Aus Toby wurde bei uns Tobyas. Schließlich ist er ein feiner Kerl – und ein feiner Kerl braucht einen feinen Namen. Manchmal nennen wir ihn auch „den feinen Herrn Toby“. Ein Titel, den er sich unter anderem dadurch verdient hat, dass er anfangs bei Regen nicht in den Wald gehen wollte. Seine Pfötchen hätten schließlich schmutzig werden können. Maya und ich waren von so viel Vornehmheit regelmäßig eher mäßig beeindruckt.

Doch bevor Tobyas zum feinen Herrn, Reisebegleiter, SUP-Fahrer und gelegentlichen Baustellenverhinderer wurde, hatte er bereits einiges erlebt.
Von Bukarest nach Hause
Tobyas lebte zunächst als Straßenhund in Rumänien. Später wurde er von einer Familie aufgenommen, die ihn schließlich nicht mehr behalten wollte. So kam er zu einer Pflegestelle und wurde über den Verein Licht für Schattenhunde e. V. nach Deutschland vermittelt.
Beschrieben wurde er als ruhiger und lieber Hund. Genau das schien gut zu uns zu passen: Wenn schon ein zweiter Hund an der Seite unserer damals elfjährigen Prinzessin Maya, dann bitte kein junger Wirbelwind, der ihr ununterbrochen auf die Nerven ging.
Am 26. Oktober 2024 kam Tobyas nach einer mehr als 30-stündigen Fahrt im Transporter aus Bukarest bei uns an. Einen Tag zuvor erfuhr ich, dass ich zur Abholung eine Hundebox mitbringen sollte. Tobyas sei sehr gestresst und müsse im Transporter direkt in die Box gesetzt werden, damit auf dem letzten Wegstück nichts passieren konnte.
Eine passende Box besaß ich nicht. Deshalb lieh ich mir kurzfristig die Box von Bailey, dem etwas kleineren Hund meiner Freundin Bianca. Da ich Tobyas’ tatsächliche Größe nur ungefähr kannte, befürchtete ich, sie könnte zu klein sein.
Diese Sorge erwies sich als unbegründet. Tobyas war so dünn und schlecht bemuskelt, dass er sich winzig klein darin zusammenrollte. In die Box hätte er damals gefühlt zehnmal hineingepasst.
Zu Hause trugen wir sie zunächst ins Fitnessstudio. Dort sollte er in Ruhe ankommen können – getrennt von Maya und ohne Erwartungen. Als ich die Box öffnete, war ich mir kurzfristig nicht ganz sicher, ob man mir wirklich einen Hund geliefert hatte: Er war kleiner als erwartet, schwarz-weiß wie ein Stinktier und roch auch entsprechend eindrucksvoll.
Ich stellte Wasser und Futter vor die geöffnete Box, setzte mich in einiger Entfernung mit meinem Notebook hin und überließ ihm die Entscheidung, ob und wann er herauskommen wollte. Nach etwa drei Stunden wagte er sich vorsichtig hinaus. Er trank, kam zu mir und ließ sich behutsam streicheln. Danach kehrte er nie wieder in die Box zurück.

Vertrauen wächst nicht über Nacht
In den ersten Tagen waren selbst kurze Spaziergänge kaum möglich. Tobyas traute sich nicht aus dem Haus. Gelang es uns doch, einige Schritte zu gehen, genügte ein Mensch in weiter Entfernung, um ihn in Panik zu versetzen. Dann wollte er nur noch so schnell wie möglich zurück.
Auch die Zusammenführung mit Maya verlief ganz anders als erhofft. Die beiden waren zunächst eher Gegner als Freunde, und es kam zu ernsthaften Auseinandersetzungen. Ich holte mir Unterstützung von einer Hundetrainerin der Martin Rütter Hundeschule Wiesbaden. Eine Zeit lang sah es tatsächlich so aus, als könnten wir Tobyas nicht behalten. Ich wollte nicht, dass Maya ihre letzten Jahre unglücklich im eigenen Zuhause verbringen musste.
Beide Hunde wurden an einen Maulkorb gewöhnt. Maya kannte das bereits, für Tobyas war es neu. Unsere ersten gemeinsamen Spaziergänge machten wir mit Maulkorb – und genau dabei begann sich etwas zu verändern. Die Runden verliefen friedlich, und Maya gab Tobyas draußen die Sicherheit, die ihm noch fehlte. Sie hatte keine Angst vor Menschen, Geräuschen oder unbekannten Situationen. An ihrer Seite traute auch er sich immer mehr zu.
Gleichzeitig achtete ich darauf, weiterhin mit beiden Hunden einzeln Zeit zu verbringen. Maya sollte nicht das Gefühl bekommen, plötzlich weniger wichtig zu sein. Nach und nach akzeptierten sie einander als Mitglieder desselben Rudels.
Von ersten Schritten zu großen Reisen
Schon zwei Monate nach Tobyas’ Ankunft verbrachten wir unseren ersten gemeinsamen Urlaub in einer Blockhütte in den Vogesen. Dort unternahmen wir viele Wanderungen. Aus dem Hund, der sich kaum vor die Haustür getraut hatte, wurde zunehmend ein neugieriger und zuverlässiger Begleiter.
Im Juni 2025 reisten wir gemeinsam nach Finnland. Dazu gehörte eine 31-stündige Fährfahrt. Maya kannte solche Reisen bereits und bewegte sich entsprechend routiniert über das Schiff. Das half Tobyas: Der laute Weg durch die Garagendecks, klappernde Ketten, fremde Geräusche, glatte Böden und starke Windböen auf dem Außendeck – all das meisterte er ohne Panik.
Auch am Wasser orientierte er sich an Maya. Anfangs war ihm das nasse Element ausgesprochen suspekt. Doch er sah, wie viel Freude sie am und im Wasser hatte, und wurde mutiger. Einmal sprang er sogar vom Steg zu mir ins Wasser und schwamm, während ich ihn zurück zum Ufer begleitete.
Tiefes Wasser ist ihm bis heute nicht ganz geheuer. Vom SUP-Fahren hält ihn das allerdings nicht ab. Dabei sitzt er gerne wie der König des Sees auf dem Board und blickt in die Ferne – oft sogar geduldiger als Maya, die nie besonders lange still sitzen wollte.


Maya und Tobyas
Maya und Tobyas wurden keine unzertrennlichen besten Freunde. Aber sie lernten nicht nur, miteinander zu leben. Sie entwickelten eine Beziehung mit eigenen Regeln, gegenseitigem Respekt und offenbar auch ziemlich genauer Kenntnis der Schwächen des jeweils anderen.
Wie genau sie miteinander kommunizierten, bekamen wir Menschen vermutlich nur selten vollständig mit. Eine besonders denkwürdige Kostprobe davon lieferten sie uns in Finnland.
Wenn wir dort sind, essen wir Menschen kiloweise Lakritz – dort gibt es schließlich das weltbeste. Eines Tages landete eine leere Tüte unbemerkt auf dem Wohnzimmerboden. Tobyas entdeckte sie zuerst und begann interessiert daran zu schnuppern. Maya registrierte das ausgesprochen missmutig. Offensichtlich wäre sie selbst gerne zuerst an der Tüte gewesen.
Nach einer kurzen Denkpause wandte sie sich plötzlich in Richtung Flur und Haustür und bellte dreimal, als hätte sie dort etwas gehört. Tobyas ließ die Tüte augenblicklich liegen und sauste bellend an ihr vorbei, um nach dem Rechten zu sehen.
Maya widmete sich währenddessen in aller Ruhe der Lakritztüte.
Tobyas stoppte, sobald er begriff, dass er hereingelegt worden war. Die Mimik der beiden war zum Schießen. Noch beeindruckender war allerdings die Erkenntnis, wie gerissen Maya ihren Mitbewohner beobachtet und eingeschätzt hatte.
Meistens war Tobyas ihr gegenüber zurückhaltend und ließ ihr den Vortritt. In vielen Situationen war er zwar der souveränere der beiden, aber er wusste sehr genau, wann es klüger war, sich zurückzunehmen und keinen Streit vom Zaun zu brechen.
Gleichzeitig ergänzten sie sich: Maya gab Tobyas Sicherheit im Umgang mit Menschen und unbekannten Situationen. Tobyas wiederum war bei Begegnungen mit anderen Hunden sehr souverän. Erst durch ihn wurde mir bewusst, wie unsicher Maya in der Kommunikation mit Artgenossen manchmal war. In solchen Momenten orientierte sie sich an ihm.

Gegen Ende von Mayas Leben lagen die beiden häufig nah beieinander. Wie viel Verbundenheit tatsächlich zwischen ihnen entstanden war, begriff ich allerdings erst nach ihrem Tod.
Wir hatten lange gehadert, ob wir mit der schwer kranken und kaum noch mobilen Maya überhaupt nach Spanien reisen sollten. Doch mein Bauchgefühl sagte Ja – und tatsächlich blühte sie dort dank ihrer Medikamente, der Wärme und der sonnigen Umgebung am Meer noch einmal richtig auf. Beide Hunde genossen diese gemeinsame Zeit. Gleichzeitig wussten wir durch den engen Kontakt mit den behandelnden Tierkliniken, dass sich ihr Zustand wegen des aggressiven Tumors jederzeit sehr schnell verschlechtern konnte. Als genau das geschah, mussten wir Maya gehen lassen, um ihr weiteres Leiden zu ersparen – obwohl wir selbst sie noch lange nicht loslassen wollten. Da sie in Spanien nicht zu Hause, sondern nur in einer Tierklinik eingeschläfert werden durfte, blieb Tobyas allein im Haus zurück – und wir kehrten ohne Maya zu ihm zurück.
Er verstand nicht, warum sie verschwunden war. Über mehrere Wochen suchte er nach ihr, wirkte verunsichert und traurig. Offenbar war aus der schwierigen Beziehung viel mehr geworden, als wir Menschen zuvor wahrgenommen hatten.
Maya hatte Tobyas nicht nur dabei geholfen, sich draußen sicherer zu fühlen, zu reisen und seine Angst vor dem Wasser zu überwinden. Sie war ein fester Bestandteil seines neuen Lebens geworden. Und auch Tobyas hatte ihr auf seine Weise Halt gegeben.

Der feine Herr Toby
Heute erinnert nur noch wenig an den verängstigten, dünnen Hund, der sich in einer geliehenen Transportbox möglichst klein machte. Tobyas wandert, reist, fährt SUP und begleitet mich möglichst überallhin.
„Begleiten“ kann allerdings auch bedeuten, mich morgens aufmerksam beim Schlafen zu beobachten. Ob er mich dabei ebenso niedlich findet wie ich ihn, wenn er schläft, darf bezweifelt werden.

Manchmal bedeutet es auch, sich auf der Baustelle direkt vor die frisch tapezierte Wand zu legen – auf den Rücken, alle vier Beine in der Luft und genau dorthin, wo ich weiterarbeiten müsste.
Nach getaner Arbeit versteht er es jedenfalls ausgezeichnet, Feierabend zu machen. Dann liegt er mit weit von sich gestreckten Beinen und nach hinten geklapptem Kopf auf der Couch wie ein erschöpfter Hausherr. Eigentlich fehlt nur noch die Aufforderung, ihm bitte ein Bier zu bringen.


Ein Flat-Coated Retriever – zumindest beinahe
Vermittelt wurde Tobyas als Flat-Coated-Retriever-Mischling. Das passte wunderbar, denn Flat-Coated Retriever gehören zu meinen Lieblingsrassen, und ich hatte mir schon lange einen gewünscht.
Allerdings merkte ich bald, dass Tobyas außer seinem Aussehen erstaunlich wenig Retrievertypisches mitbrachte. Ein DNA-Test bestätigte den Verdacht: In ihm stecken unter anderem Taigan, Langhaardackel, Zwergspitz, Kaukasischer Owtscharka, Tatra-Schäferhund, Anatolischer Hirtenhund und Broholmer – aber kein Retriever.
Wir haben also keinen Flat-Coated Retriever bekommen. Dafür bekamen wir Tobyas: einen vorsichtigen Beobachter, mutigen Reisegefährten, königlichen SUP-Fahrer, Baustellenblockierer und feinen Herrn mit einer ganz eigenen Vorstellung davon, wie man sich als Hund angemessen die Pfötchen schmutzig macht.
Und genau so ist er richtig.
